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Das neue Programm „Euroflott“ der Comedytruppe Tango Five
Von Bernd-Wilfried Kießler, 17.September 2007 Stuttgarter Zeitung
Die stärkste Nummer des Abends ist zweifellos, wenn alle Fünfe von Tango Five rund um ein Cello die Habanera „L’amour es tun oiseau rebelle“ aus Bizets Oper „Carmen“ intonieren – musikalisch treffsicher und ohne alle Verulkung, aber im Drumherum voller augenzwinkernder Späße. Da läuft der Erzkomödiant Bobbi Fischer als Blinder, der mit Kartoffeln jongliert, über die Szene. Der Schlagzeuger Patrick Manzecchi schiebt sich rücklings auf einem Rollbrett auf die Bühne, zunächst den Boden und schließlich das im Mittelpunkt stehende Cello betrommelnd, das gemeinsam von von Veit und Fee Hübner sowie dem derweil dort eingetroffenen Kartoffeljongleur begriffen, gezupft und gestrichen wird. Schließlich gesellt sich auch noch Gregor Hübner hinzu, um dem perfekt arrangierten Klangbild auf seiner Violine einige Glanzlichter aufzusetzen. Solch ausgeklügelter Nonsens lässt prompt Erinnerungen an den Beatles-Zeichentrickfilm „Yellow Submarine“ wach werden.
Tango Five diesmal zu Fünft? Längst hatte man sich an den Widerspruch gewöhnt, dass da vier Männer auf der Bühne stehen, aber der Name aus der Gründerzeit weitergeführt wurde. Da machte ein Hand hoffnungsvoller Musiker in Ravensburg Musik-Comedy, als es das Wort noch gar nicht gab. Einer aus der Stammbesetzung fehlt diesmal: Bernd Ruf und mit ihm seine Klarinette. Bobbi Fischer bläst zwar die Tuba ausgesprochen eindrucksvoll, das Instrument taugt aber naturgemäß nicht zu feinen Läufen, mit denen der Klarinettist das Publikum allemal zu Beifallsstürmen hinriss. Ruf hat vor einem Jahr eine Professur am anderen Ende Deutschlands in Lübeck angenommen – ob es bei dem Aussetzer für nur ein Tango-Five-Programm bleibt, wird man sehen.
Schwesterlein komm herein
Beinahe eine kleine Sensation ist jedoch: Zum ersten Mal steht eine Frau im Ensemble, nicht irgendeine, sondern Fee Hübner, die Schwester von Gregor und Veit. Die Brüder haben damit einen Gedanken in die Tat um gesetzt, mit dem sie sich schon seit längerem tragen. Denn das Nesthäkchen der Hübner-Familie hat nicht nur eine fundierte Ausbildung als Pianistin und weiß die Harfe zu schlagen, was leider aus diesem Programm gestrichen wurde. Sie hat auch die Schauspielschule absolviert und tourt zudem mit einem Solokabarettprogramm.
Durch Fee Hübner gewinnt das Schauspielerische bei Tango Five zweifellos an Gewicht, und mit einer Frau auf der Bühne können ganz andere Spannungen ausgespielt werden als in einer reinen Männergruppe. Dass sie auch über eine Grammy-verdächtige Stimme verfügt, rückt sie beinahe wie von selbst ins Rampenlicht vor ihren Kollegen, die wie eh und je allesamt auf Instrumenten ohne Zahl glänzen und mehrstimmige Wechselgesänge anstimmen.
Den Rahmen dazu liefert die Geschichte von fünf Musikern aus einer ehemaligen Sowjetrepublik, die den ach so echt klingenden Fantasienamen Molwanien führt. Sie beschließen, dem postkommunistischen Elend den Rücken zu kehren und ins gelobte Bananenland Deutschland zu ziehen. Zu diesem Zeitpunkt darf der fünfte Mensch an Bord mit einer halbrussischen Phrasenrede zeigen, dass er nicht nur seinem Schlagzeug einfallsreiche Geräusche zu entlocken vermag: Patrick Manzecchi passt sich auch dem komischen Gebaren von Tango Five auf Anhieb bestens an.
Vom Bettelstab zum Notenschlüssel
Was die Politiker alle Tage verkünden, ohne ihrem eigenem Anspruch selbst zu genügen: Wer in Deutschland zu Geld kommen will, muss einfallsreich und beweglich sein. Für die Einwanderer aus dem Osten heißen die Stationen auf dem Weg nach oben zunächst Kartoffelnschälen in einer Schnellfraßkette, was unweigerlich Erinnerungen an die verlorene Heimat hervorruft. Berüchtigt für ihre Niedriglöhne ist offenbar auch die Reinigungsbranche. Kommt dann noch eine Schwangerschaft dazu, ist der Weg zur Bettelarmut nicht mehr weit.
Rettung aus der unerwarteten Not bringt schließlich – wen wundert’s? – die Musik. Was auf der Straße noch nicht wirklich aus der neuen Armut des Prekariats führt, gelingt schließlich beim Probesingen für eine Fernsehreihe. Zunächst wird da ein hübsches Stück Travestie aufgeführt – Mascha Monrow fällt dabei ebenso durch wie Elvira Preslow, und es ist von hintersinniger Komik, wenn ausgerechnet eine Figur im Tschador „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ singt. Den Karrieredurchbruch bis hin zur Grammy-Verleihung in Los Angeles bringt schließlich die einzige Frau im Ensemble, die sich stimmlich über den Regenbogen erhebt.
Das neue Programm, dessen Titel „Euroflott“ man offenbar an den Namen der russischen Fluggesellschaft Aeroflot angelehnt hat, ist das rundeste der letzten Jahre. Es umfasst alle gewohnten musikalischen Elemente von Klassik bis Jazz über Volkslieder und Pop, und zwar in einer Ausgewogenheit, wie sie bisher selten gelang. Wesentlichen Anteil daran, dass es bei diesem Programm keinen Augenblick langatmig zugeht, haben Kostüme und Choreografie.
Zwar verfällt man in einem Männerballett noch einmal in alte Zeiten, als der Frauenmangel mit Hilfe von Tüllröckchen ausgeglichen werden musste. Aber der Tanz mit der Stange ist keine bloße komische Hopserei, sondern so gut eingeübt, dass man den Akteuren seine Achtung nicht versagen kann. Das trifft im Übrigen für den gesamten zweistündigen Auftritt zu.
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